Entschuldigung, ich bin Kassenpatient

Ein Erlebnisbericht 
„Man wird nicht jünger“, dachte ich mir mit meinen 38 Jahren, und so entschloss ich mich, mein Krampfaderleiden behandeln zu lassen. Vererbte Bindegewebeschwäche und mir schon lange bekannt. Meine einzigen Arztbesuche in den letzten Jahren bestanden allerdings aus regelmäßigen Kontrollen beim Zahnarzt. Durch meinen Plan, die Krampfadern operieren zu lassen, sollte ich innerhalb weniger Wochen unser wunderbares Medizinsystem näher kennen lernen. 
„Ihre Karte bitte“
Vorweg noch zur Erklärung: Ich bin Kassenpatient und habe keine Beziehung zu einem Hausarzt, was – wie ich erfahren habe – in unserem Gesundheitssystem mehr oder weniger vorausgesetzt wird. Die Tatsache, dass ich Kassenpatient bin, hilft mir im Nachhinein, einige Zusammenhänge besser zu verstehen. Glaube ich zumindest.

Aber der Reihe nach. Wie bekommt man nach der selbst gestellten Diagnose Krampfadern (Varikosis) Einlass in ein Krankenhaus, um selbige operativ entfernen zu lassen? 

Du brauchst einen Hausarzt
Nach einigen Telefonaten wusste ich also, dass ich eine Überweisung vom Hausarzt zu einem Facharzt benötige. Dieser Facharzt könnte mich dann mit seiner Diagnose in die chirurgische Ambulanz des Krankenhauses überweisen. Aha, ein Hausarzt. „Wer wird dein Hausarzt“, fragte ich mich, und suchte mir einen Allgemeinmediziner anhand einiger Tipps aus meiner Familie. Gesagt, getan: Eine Überweisung wurde gegen Zahlung der üblichen Praxisgebühr ausgestellt. Keine langen Fragen, Keine Untersuchung. Einfach so. 
Wandmalerei beim Facharzt
Beim Facharzt für Dermatologie und u.a. auch Venenerkrankungen sollte ich dann nach ein paar ober-flächlichen Untersuchungen zweierlei bekommen: Zum einen die Erfahrung, dass dieser medizinische Spezialist in seiner neuen Praxis eingerichtet ist wie ein Schönheits-Chirurg à la Nip-Tuck. Zum anderen wurden mir Termine für Untersuchungen gegeben, die – als ich sie antrat – als „zeitlich ja nicht so passend“ bezeichnet wurden! Und wer mich kennt, weiß, dass ich es unglaublich gerne habe, wenn ich für Dinge Zeit opfere, die offensichtlich Unsinn sind. Ein weiteres Abenteuer gab es dann nach der ersten von zwei Operationen, aber dazu später mehr. 
Ohne Scheine läuft hier nichts
Zunächst bekam ich meinen angestrebten Überweisungsschein. Die Untersuchung durch den Gefäßspezialisten im Krankenhaus ging schnell, erschien mir effektiv und ergab zwei Operationstermine für jeweils ein Bein im Herbst dieses Jahres. „Wunderbar“, dachte ich und freute mich, dieses leidige und lange prokrastinierte Thema endlich in Angriff genommen zu haben. Die medizinische Bürokratie war es, die mich dann schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Im Krankenhaus bekam ich vorausschauender Weise ein Rezept für die nach den Eingriffen notwendigen Oberschenkel-Kompressionsstrümpfen. 
Und jetzt kam, was mich selbst heute noch aufregt: Die Strümpfe sollte man erst kurz vor der geplanten Operation anpassen, heißt es im Sanitätshaus. Das Rezept ist dann allerdings nicht mehr gültig. „Ein neues Quartal, verstehen Sie?“. Ja, natürlich, kein Problem. Zu gegebener Zeit melde ich mich also wieder beim neu gewonnen Hausarzt wegen des neuen Rezepts. Schicken sie sogar Post an mich – super! Schließlich habe ich ja auch wieder zehn Euro Praxisgebühr entrichtet. Für das Krankenhaus benötige ich eine Überweisung, die mir der Facharzt ausstellt. Damit ich mir diese Überweisung bei Nip-Tuck abholen darf, benötige ich – Na? – Richtig: eine Überweisung vom Hausarzt. Eine Telefoniererei und Rennerei, die ich persönlich für übertrieben und nutzlos halte. 
Werden Kassenpatienten differenziert behandelt? 
Aus dem Anästhesie-Fragebogen
Mittlerweile habe ich im Abstand von sieben Wochen beide Eingriffe hinter mich gebracht. Was den Umgang mit Patienten durch meine Freunde bei Nip-Tuck und darüber hinaus die Weitergabe von Informationen an unmittelbar Betroffene – wie z.B. die Patienten selbst – angeht, stelle ich mir die Frage, ob es nicht wirklich einen großen Unterschied zwischen Kassenpatienten und privat Versicherten gibt. 
Nach dem ersten Eingriff hieß es beispielsweise, das die Fäden nach einer Woche gezogen werden sollen. Beim Schönheits-Chirurgen Facharzt wollte man sich dieser niederen Arbeit nicht hingeben, denn das „sei schließlich Sache des Hausarztes“ und darüber hinaus werden die Fäden nicht nach etwa einer Woche, sondern nach 12 Tagen gezogen. Ach so. Und deswegen bin ich jetzt hier? Extra her gefahren vom Büro mit Bergen von Arbeit, die erledigt werden wollen? Gut, ich mache einen neuen Termin. Ich habe ja jetzt immerhin einen Hausarzt. 
Bei den Informationen wie z.B. die über den Operationsverlauf, – nach einer durchgeführten Operation am Gefäßsystem für den Betroffenen nicht uninteressant – bin ich überzeugt, dass Kassenpatienten irgendwo in den Papieren einen Stempel tragen: „Holschuld“ steht da drauf, glaube ich. Dieser Eindruck entstand überwiegend durch die Erlebnisse rund um den zweiten Eingriff: 
Während der Vorsorgeuntersuchung stellt man beim Ultraschall eine Veränderung der Kniekehlenvene (Vena poplitea) fest. Es könne durch das geweitete Gefäß im schlimmsten Fall zu Thrombosen oder gar einer Lungenembolie kommen, erfahre ich. Eine Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel (Phlebographie) soll Klarheit schaffen. Den Termin dafür gibt es gleich am nächsten Morgen, kurz vor der OP. Abgesehen davon, dass so etwas unangenehm ist und der Radiologe scheinbar leichte Koordinationsschwierigkeiten hatte, brachte ich auch das hinter mich. Auf nüchternen Magen wohlgemerkt. Danach noch ein kurzes Gespräch mit der Assistenzärztin: „Wir operieren beide Venen – hinten und vorne“. Ich befinde das in diesem Moment für gut, weil dann alles sozusagen geklärt ist. Also ab in die narkosebedingte Bewusstlosigkeit… 
Die Holschuld liegt offensichtlich beim Patienten
Wieder erwacht, heißt es wieder von der Assistenzärztin, die hintere Vene wurde doch nicht operiert. Aha. Über einen Grund hierzu gibt es keine weitere Auskunft. „Gut, das erklären sie dir dann im Entlassungsgespräch“, denke ich. Denkste. Zu dritt liegen wir im Vierbettzimmer und warten auf eine Begutachtung und ein Gespräch zum OP-Verlauf durch den operierenden Arzt. „Der hat gerade Sprechstunde“, sagt man uns. Wir warten. Spät an Nachmittag kommt dann ein völlig unbeteiligter und von den Stationsschwestern gerufener Unfallchirurg ins Zimmer. Sagen kann er uns nichts, denn er sei ja nicht dabei gewesen. Aber Geschichten hat er drauf, der junge Kerl. Toll, wirklich toll. Wir also raus aus dem Zimmer, Papiere in die Hand und ab nach Hause. 
Einige Tage später möchte ich dann doch wissen, was denn nun mit meinem Bein ist und melde mich in der Sprechstunde des Operateurs. „Fragen Sie doch mal Ihren Hausarzt oder kommen Sie als Notfall vor der eigentlichen Sprechstunde vorbei.“, sagen sie mir. Das mache ich. Man hätte im Team die Bilder aus der Phlebographie begutachtet und sich gegen eine operative Behandlung der Kniekehlenvene entschieden. „Wenn dort ein Eingriff notwendig gewesen wäre, hätte ich Sie sowieso nach Hamburg zum bundesweit anerkannten Spezialisten der Uniklinik geschickt!“, sagt mir der gute Mann. „Aber man hat Ihnen bei der Entlassung doch mitgeteilt, dass Sie sich in einem halben Jahr noch einmal zur Untersuchung vorstellen sollen, oder?“, fügt der Herr Doktor dann noch hinzu. Ich denke: „Nein, hat man nicht, lieber Herr Doktor, denn es gab ja kein Entlassungsgespräch…“. 
Was bleibt, ist das angenehme Gefühl aus der Narkose zu erwachen 
Ich notiere mir also diese Untersuchung im Kalender für 2012. Da bleibe ich dran. Vielleicht frage ich sogar bei meinem neuen Freund, dem Hausarzt, den Einblick in den ausführlichen OP-Bericht an. Was mir im Nachhinein bleibt, ist eine Erkenntnis. Die Erkenntnis darüber, dass man sich auch hierbei um manche Dinge besser selbst kümmert und sich nicht auf andere verlässt. Beim Gedanken an die von mir in den letzten 22 Jahren gezahlten Krankenkassenbeiträge wird mir zwar etwas schwindelig, das hat aber keinen medizinischen Hintergrund. Ansonsten behalte ich aus dieser Reihe an Erlebnissen gerne das angenehme Gefühl in Erinnerung, völlig gedanken- und sorgenfrei aus der Narkose erwacht zu sein und für einen Moment das Leben auf das Wesentliche konzentriert zu haben: Eben am Leben zu sein. Einatmen, ausatmen. 
In diesem Sinne: Gute Besserung! 
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